Das Ölberggebet
2024
Mit Hochdruck vervielfältigt, für 2 Predigten von Monsignore Engelbert Dirnberger,
gehalten am Karfreitag, den 29. März und am Ostersonntag, den 1. April 2024.
Karfreitag 2024
Vielleicht fragen Sie sich, was diese Karte (die wir Ihnen bereit gelegt haben) mit dem Karfreitag zu tun haben könnte. Nun, auf den ersten Blick sieht die Ansammlung gekrümmter dunkler Leiber aus, wie ein Massengrab. Damit wären wir ja schon im Zentrum des heutigen Tages, der das Leiden, das Sterben und den Tod gleichsam als DNA in sich trägt.
Tatsächlich können wir als Christen Karfreitag nicht begehen, ohne an die ungezählten Toten der Kriegsschauplätze dieser Welt zu denken, und Waffenruhe und Frieden herbei zu sehnen.
Der Künstler, Jörg Länger hat sein Bild allerdings „Ölberg“ genannt. Bei den dunklen Gestalten handelt es sich demnach um die schlafenden Jünger, die mit Jesus eigentlich wachen und beten sollten. Sie liegen merkwürdig da: gekrümmt und in sich gekehrt. Auf den zweiten Blick erkennen wir, dass es ein und dieselbe Gestalt ist, die nur unterschiedlich positioniert wurde. Individuen und doch ein Wesen, ein Schicksal: Einzelne und der Mensch schlecht hin, ist hier gezeigt.
Jörg Länger nahm bei den Figuren Anleihe bei einer anderen Künstlerin. Der Umriß, der hier verwendet wurde, stammt von einer Arbeit von Kiki Smith. Der Name sagt Ihnen vielleicht etwas. Die amerikanische Künstlerin hat gerade neben unserem Diözesanmuseum auf dem Freisinger Domberg eine Kapelle entworfen und ausgestattet. Sie hat sich intensiv mit der menschlichen Anatomie auseinander gesetzt, und in den Werken stets das Innere nach außen gekehrt. In einem ihrer Werke kauert eine Gestalt auf dem Boden. Sie ist die Vorlage für die Figuren auf unserem Bild. Die Haut der Figur ist nur als dünne Linie zu erkennen, so als wäre sie transparent. Deutlich sichtbar wird stattdessen, was unter der Haut liegt: Muskeln und Sehnen. Kiki Smith will so Einblick geben, in all das, was im Menschen verborgen ist und verborgen bleiben soll. Sie hat ihr Werk „Sueno“ genannt, übersetzt heißt das: Traum.
Was uns wieder zurück zur Ölbergszene führt und zu den schlafenden Jüngern. Jörg Länger zeigt sie nur in ihren Umrissen. Gefüllt sind diese mit Dunkelheit. Als wäre die Nacht, die sie umgibt, in sie hineingekrochen – wie der Theologe Patrick Scherrer es einmal interpretiert hat. Als wäre die Nacht in sie hineingekrochen. Es ist die Nacht der unheilvollen Erwartungen, die Nacht der Angst, der Unsicherheit und der Ohnmacht. Schreckliches ist zu erwarten: Gefangennahme, Folter und Tod.
Diese Nacht der Angst ist fähig einen jeden von uns zu überwältigen und ihm die letzte Lebensfreude zu entziehen. Wir alle sind vereint in der Schicksalsgemeinschaft am Ölberg. Keine und Keiner kann ausschließen, dass sich das eigene Leben noch heute verdunkelt und wir gewahr werden müssen, wie begrenzt und ohnmächtig wir Menschen sind.
Die eigene Kraft reicht oft nicht, um dagegen zu halten, um sich dem Drohenden entgegen zu stellen. Sueno, Traum und Schlaf ist der Ausweg der Erschöpften – und gleichzeitig ihr Ende. Der Schlaf am Ölberg schenkt keine frische Energie, sondern steht für die Flucht vor dem Leben. Die Gestalten liegen sorgfältig getrennt voneinander, sie sind insoliert, haben keinen Kontakt, berühren sich nicht. Vereinzelt sind sie dem Unheil ausgeliefert, das sich dunkel erhebt. Ungenutzt bleibt jede Möglichkeit, die Situation zu verbessern, z.B. durch gegenseitigen Beistand, Fürsorge und Hilfe.
Gibt es Rettung? Gibt es Zukunft? Diese Szene am Ölberg ließe wenig erhoffen, wäre da nicht dieses golden leuchtende Zentrum. Es sind die Umrisse des betenden Jesus. Jörg Länger hat auch diese Figur einem andern Werk entliehen. Diesmal einem Gemälde zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Hans Holbein, der Ältere, hat diesen betenden Jesus in die sogenannte „graue Passion“ gemalt. Zurecht ist er hier nicht grau, sondern leuchtend golden gezeigt, so, als hätten ihn die goldenen Strahlen seines Heiligen-scheins auf dem Original inzwischen ganz ausgefüllt: ganz heil, ganz eins mit Gott.
Jesus betet unaufhörlich zum Vater – für sich, für seine Jünger, für die ganze Welt. Er bildet den Gegenpol zur Angst erfüllten Menschheit. Er vermag das zu vollbringen, was den müden Gestalten aus eigener Kraft nicht möglich ist. Mitgefühl, Hoffnung, Vertrauen. Wenig später wird er denselben Weg gehen, der jedem Menschen vorgegeben ist, den Weg zum Tode. Damit stellt er sich an die Seite jedes Menschen. Vor allem aber wird er zur Hoffnung für all jene, die schon im Leben Tode sterben, in Leid, in Angst und Ohnmacht.
Die Szene auf dem Bild erinnert mich an eine Arie in der einzigen Oper Beethovens: „Fidelio“. Dort singt Leonore ihr ganzes Leid über den eingekerkerten und vom Tod bedrohten Geliebten aus sich heraus, und gibt doch den letzten Funken Hoffnung nicht auf: „Komm, Hoffnung, – singt sie – lass den letzten Stern der Müden nicht erbleichen! O komm, erhell mein Ziel, sei’s noch so fern.“
„Komm, Hoffnung, lass den letzten Stern der Müden nicht erbleichen!“ Es ist das Wunder des Karfreitags, dass Gott diesen letzten Stern bewahrt. Wer ihn leuchten sieht, hat Grund zur Hoffnung. Wer ihn leuchten sieht, hat neues Leben vor Augen. Amen.
Ostersonntag 2024
Wer am Karfreitag hier in Hl. Kreuz die Liturgie vom Leiden und Sterben Jesu mitgefeiert hat, der hat den ersten Teil der Predigt zu dem Bild von Jörg Länger gehört (das wir Ihnen hinten bereitgelegt haben). Ich möchte es heute nochmals aufgreifen. Vorgestern hatten wir die Ölbergszene, die hier dargestellt ist, bedacht und endeten mit einem Satz aus einer Arie in Beethovens Oper Fidelio. Dort singt Leonore ihr ganzes Leid über den eingekerkerten und vom Tod bedrohten Geliebten aus sich heraus, und gibt doch den letzten Funken Hoffnung nicht auf: „Komm, Hoffnung, – singt sie – lass den letzten Stern der Müden nicht erbleichen!“
Wir würden heute nicht Ostern feiern und unser Glaube wäre – wie Paulus es sagt – sinnlos, wenn dieser Stern nicht Bestand gehabt hätte. Er leuchtete weiter, aller Dunkelheit der Welt, aller Macht des Todes zum Trotz.
Nun ist das goldene Zentrum auf Jörg Längers Bild kein Stern, sondern der Umriss des betenden Jesus in einem Passionsbild von Hans Holbein dem Älteren. Wer das Original nicht kennt, braucht schon ein wenig Vorstellungskraft, um eine menschliche Gestalt zu erkennen: Jesus kniet, er schaut nach rechts hinten, die Hände sind vor der Brust gefaltet, darunter sind die Ellenbogen zu erkennen. Der Rest ist ein Mantel mit einem ausladenden Saum, der mich an ein Ginko Blatt erinnert.
Im Gegensatz zu den Jüngern ist die Farbe satt und deckend. Das Schwarz und Weiß in den Figuren wirkt uneindeutig, ambivalent. Während das Gold entschieden und klar ist. Kein Zweifel, so könnte die österliche Botschaft lauten: das Leben siegt! Dabei ist mit Leben nicht die körperliche Unversehrtheit zu verstehen, vielmehr geht es um die Liebe, die sich durchträgt, über alle irdischen Grenzen hinweg. Eine Liebe, die selbst der Tod nicht zu hindern vermag.
Mich hat das goldene Zentrum noch an etwas anderes erinnert. Es hat mich innerlich auf Reisen geschickt, nämlich in die Hl. Stadt, nach Rom, auf den Aventin, einen der römischen Hügel. Dort, beim Benediktinerkloster Sant‘Anselmo findet sich das berühmteste Schlüsselloch der Welt. Wer dort hindurchblickt, schaut direkt auf den Petersdom, das Zentrum der Christenheit.
Lässt sich die goldene Mitte auf dem Bild vielleicht auch als Durchblick begreifen? Nicht auf ein steinernes Bauwerk hin, sondern auf das, was uns Jesu mit seinem Leben gezeigt hat. „Wer mich sieht, sieht den Vater“ sagt er einmal im Johannes Evangelium. In seinem Leben wurde sichtbar, wie Gott ist. Wer auf Jesus schaut, erkennt: die absolute Liebe ist in der Welt. Die österliche Hoffnung hat einen Grund: Gott ist nah!
Leid und Tod präsentieren uns die Medien tagtäglich, die Depression des Karfreitags scheint übermächtig. Doch wer den Blick weitet, der findet ungezählte Orte, an denen sich immer wieder neu die Liebe durchsetzt. Wo Eltern Kindern das Leben schenken, zum Beispiel, und sich bedingungslos in Liebe und Fürsorge an sie binden. Wo Jüngere den Alten und Gebrechlichen beistehen, in Familie, in Nachbarschaft und Pflegeeinrichtungen. Wo Jugendliche Verantwortung für andere Übernehmen, als Gruppenleiter, Lernbegleiter oder in Freiwilligen Diensten, wer nach Gottes Spuren in dieser Welt Ausschau hält muss nicht lange suchen. „Einer trage des Anderen Last“, schreibt Paulus einmal an die Galater. Überall, wo sich ein Herz öffnet für den Anderen, ereignet sich Ostern, bekommt die Hoffnung neue Kraft, bricht sich Leben seine Bahn; überall dort erhellt goldener Glanz unsere Welt.
Die größte Fläche in Jörg Längers Bild ist weiß. Man könnte dies nicht weiter beachten und als Farbe des Materials begreifen. Was aber würde sich ändern, wenn wir diesem Weiß eine Bedeutung gäben?! Es umfasst jede Form auf diesem Bild und wirkt auch in den dunklen, in sich gekehrten Leibern. Da es alles berührt, hält es auch alles zusammen. Eine Verbindung entsteht: das goldene Zentrum und jede einzelne Gestalt sind in Kontakt. Eine Aura geheimnisvoller Verbundenheit erwächst aus diesem Weiß.
Theologisch könnten wir vom Geist Gottes sprechen, der schon über der Urflut schwebte. Jesus würde es wohl die Liebe des Vaters nennen, die jedem Menschen in gleicher Weise zu Teil wird. Damit entsteht aus den verängstigten selbstbezogenen Jüngern am Ölberg eine universelle Gemeinschaft von Geschwistern. Ganz in der Tradition von Kiki Smith spielen äußerliche Unterschiede in Geschlecht, Hautfarbe oder Nationalität keine Rolle. Die eine Menschheitsfamilie entsteht durch eine tiefe innere Verbindung, die in jedem Menschen angelegt ist: seine transzendente Sehnsucht, die ihre Erfüllung findet in der Liebe Gottes.
Nichts auf dieser Welt kann diese Liebe töten: so die Botschaft des heutigen Tages. Auch Beethovens Oper Fidelio endet ganz in diesem Sinne: In der aktuellen Inszenierung an der Münchner Staatsoper wandeln sich die düsteren Kerkerzellen schließlich in lichterfüllte Räume, die an himmlische Wohnungen erinnern. Und Chor und Orchester erheben die Seelen des Publikums im überschwänglichen Finale ins Elysium, in das Land der Seligen, in den Zustand vollkommenen Glücks.
So muss sich Auferstehung anfühlen! So siegt das Leben! Amen.
© Monsignore Engelbert Dirnberger, München 2024
