„Palingonisten, das sind so eine Art Protagonisten.“
Protagonisten und Palingonisten, und Polygonisten.
Begriffserläuterungen dazu.
Über die in meinen Narrativen Kompositionen auftretenden Protagonisten.
Ein sehr umfangreicher Teil meiner malerischen und zeichnerischen Arbeiten ist auf dem Konzept der „Protagonisten aus 23.000 Jahren Kulturgeschichte“ aufgebaut: die Handlungsträger meiner Werke sind aus bereits existenten Artefakten extrahierte Figuren. Ich nehme mir ihren Schatten, belebe diesen mit Farbe und Strukturen in völlig anderer Weise wieder und füge sie so verwandelt in neu geschaffene Zusammenhänge, neu für mich und neu für sie. Und neu für den Betrachter, der sie in ihren zum Teil überzeitlich sprechenden Formen nun in einem zeitgenössisch geschaffenen Bild-Feld agierend wieder wahrnehmen kann. Die Figuren – auch ist es eine respektvolle Hommage an ihre Schöpfer – sind die Protagonisten, Handlungsträger, meiner „Narrativen Kompositionen“. Sie sind Wiederkehrer, so das explizit formulierte Konzept, aus der gesamten bekannten Kulturgeschichte, von frühsten Höhlenmalereien bis ins gegenwärtige Jahr sich erstreckend.
Doch sind es überhaupt Protagonisten, schon länger zweifelt Länger daran.
Eine verwirrendere Anmerkung: meine Protagonisten sind eigentlich Palingonisten.
Auch dieser Titel stimmt wiederum so nicht ganz, nicht alle meine Protagonisten sind Palingonisten! Schon länger ist mir klar, dass die Bezeichnung meiner Protagonisten einerseits zwar stimmt, aber andererseits auch nicht. Nun habe ich mich leider entschlossen, meine verwendeten Begriffe und Begriffsbildungen exakter zu setzen, auch wenn es alles verkompliziert und verwirrend ist und derartiges eigentlich nur recht wenige Menschen interessiert. Aber für die Minderheit dieser Wenigen sei es gemacht und Sie, liebe geneigte Lererin oder lieber geneigter Leser gehören sicherlich dazu.
Wie oben schon erwähnt, wird der “Protagonist” in unserem Sprachgebrauch ganz allgemein für eine Hauptfigur, einen Handlungsträger benutzt. Unter dieser Definition ist nichts gegen den Gebrauch des Begriffes „Protagonisten“ in meinen Bildern einzuwenden. Schaut man sich jedoch die etymologische Entwickelung der Protagonisten genauer an, findet man sie in der griechischen Tragödie als spezielle Träger der ersten Rolle, der Protagonist ist der erste auftretende Schauspieler, was auch gleichzeitig bedeutet, er hat die Hauptrolle inne, vom Deuteragonist und Tritagonist, der zweiten und dritten Hauptrolle, gefolgt. Meine Protagonisten haben ihren ersten Auftritt schon gehabt, bei einem Künstler-Kollegen, der sie im Laufe der Kulturgeschichte geschaffen hat, bei mir haben sie deshalb (meist) ihren zweiten Auftritt. Sie sind jedoch keine Deuteragonisten, denn das sind ja zweite Rollen, Agierende, die nach dem Erscheinen des Prota-Gonisten auftreten. In meinen zeitlosen, da 2-dimensionalen Bildern, treten beim Herstellen zwar die Handelnden nicht gleichzeitig auf, sind aber für eine Betrachtung geschaffen, in der alles gleichzeitig anschaubar ist, wie kann man bei einer gleichzeitigen Bildoffenbarung in Protagonisten und Deuteragonisten differenzieren? Meine Protagonisten sind Wiederkehrer in der Kunstgeschichte oder darin Wiedergeborene: also Palingonisten von altgriechisch „pálin“, wieder (palingenesia, die Wiedergeburt).
Aber doch! Es gibt auch weiterhin Protagonisten in meinen Bilder, in einigen Bildern.
Genauer gesagt sind nicht alle meiner Protagonisten Palingonisten:
– meine Linolschnitte nach Kollegen sind Palingonisten, den es sind Wiedergeborene, die bereits eine Erst-Existenz in einem andern Kunst-/Kulturzusammenhang hatten, der nicht durch mich geschaffen wurde. In meinen Bilder werden sie wiedergeboren.
– meine neu und eigen geschöpften Figuren, ohne Hommage an Kollegen, also ohne Vorlage, von der ich den Schattenriß extrahiere, sind Protagonisten, da sie zum ersten Mal einen Malgrund betreten. Das „Prota“ bezeichnet nicht (nur) ihren ersten Auftritt in einem Stück, sondern (in meinem Werkkosmos) den ersten Auftritt der Figur überhaupt.
Doch, nein, nein, so einfach ist das nicht, da gibt es Unterschiede:
– es gibt unikatäre Figuren, zum Beispiel mit Ölfarbe oder Tusche gemalt oder gezeichnet, die nur einmalig existieren, in einem Bildwerk erschaffen ist es ihre erste und gleichzeitig letzte, ihre einzige Rolle.
– Und es gibt Linolschnitte, die von mir ebenfalss frei ohne ein Kulturzitat zu sein, geschaffen wurden. Sie sind Erstgeborene (Protagonisten), aber sie sind durch die mit Hochdrucktechnik ausgeführten Wiederholungen auch Wiederkehrer (Palingonisten), sind allerdings auf verschiedenen eigenen Bildträgern innerhalb einer recht kurzen Zeitspanne geboren, die jedenfalls nicht länger als die werktätigen Phase eines Menschen andauert und ausserdem meist durch den Handdruck bei aller Ähnlichkeit auch Unterschiede erscheinen lässt. Vielleicht sind es daher eher Vielgeborene statt Wiedergeborene, eine Art Viellinge, im Sinne von Zwillingen, Drillingen etc.: Also Vielgeborene, Polygonisten, sind die ohne Vorlage und bezug zu Vergangenheit und Kollegen geschaffenen Druckstöcke aus Linoleum mit ihrer seriellen Potenz.
So bereichern Palingonisten, Protagonisten und Polygonisten meine Narrativen Kompositionen mit einer figürlichen Ebene oder Schicht oder Deutungsmöglichkeit.
Doch von dem Begriff der Narrativen Kompositionen mehr an andere Stelle …
Über die Verwendung des Begriffes der Protagonisten in Texten vor Dezember 2021:
In früheren Texten kann es durchaus möglich sein, dass der Begriff der „Protagonisten“ sich im alten Sinne weiterhin auch auf alle meine Linoldrucke nach bereits existenten Motiven im Sinne der Bedeutung als „Hauptfigur“ bezieht.
In eigenen Texten werde ich, wenn genug Zeit, die differenzierteren Begrifflichkeiten ersetzend einfügen, Texte von anderen kann ich lediglich mit einem Hinweis darauf versehen.
Jörg Länger, im Dezember 2021