Das Protagonisten-Konzept. Ein Leitfaden durch das Werk von Jörg Länger.
Jörg Länger, sicherlich einer der interessantesten und unkonventionellsten Künstler der Gegenwart im deutschsprachigen Raum, zeichnet sich in seinem Schaffen aus durch Werke prägnanter Dichte, hohen intellektuellen Anspruch, spiritueller Tiefe und, das mag vielleicht eines der wesentlichen Charakteristika hierbei sein, wertschätzender emotionaler Attention. In gewisser Hinsicht kulminieren all diese Momente in seinem ästhetischen Konzept des sogenannten „Protagonisten“.
Der Protagonist – ein Begriff, den Länger dem Theater entliehen hat – meint im Kontext seiner Kunst vornehmlich eine bestimmte Figur, ein Motiv, mitunter auch ein Geschehen usw. aus der langen Tradition der Kunst- und Kulturgeschichte, die Länger für seine eigene Kunst aus verschiedener Perspektive fruchtbar macht. Fruchtbar zum einen, weil der Protagonist Inspiration, Idee, Anschub usw. für Längers eigenes Werk darstellt, fruchtbar aber auch, weil der Protagonist durch die Adaption in Längers Gegenwartskunst gleichsam ein neues ästhetisches Leben gewinnt und fruchtbar schließlich, da in diesem Wechsel- und Zusammenspiel von Geben und Nehmen ein eigenes, neues Kunstwerk entsteht. Hierbei lässt sich erwähnte wertschätzende Haltung in Längers Kunst anschaulich demonstrieren, da der Protagonist als „Hauptdarsteller“ in dieser Weise der Übernahme in Längers Kunst eine nennenswerte ästhetische Achtung erfährt, die Längers Anerkennung der verschiedenen kunsthistorischen Traditionen zum Ausdruck bringt.
Durch die Kombination verschiedener Protagonisten, bestimmte Arrangements (wie dies paradigmatisch ersichtlich wird in Längers Werk „AdActA“) und ein bestimmtes Konzept gelingt es Länger, seiner Kunst eine große Dichte verschiedener Bedeutungsebenen, eine semantische Polyvalenz und ästhetische wie geistige Vielschichtigkeit zu verleihen. Sein Interesse für religiöse und philosophische Fragen verleiht darüber hinaus dieser Kunst eine spirituelle Dimension, die im zeitgenössischen Kontext als durchaus bemerkenswert verstanden werden kann. Die durchgängig sehr ausgefeilte und durchdachte Konzeption, die kohärente Programmatik seiner Kunst erschließt in dieser Hinsicht auch einen intellektuellen Anspruch, der den hohen ästhetisch-geistigen Genuss seiner Werke zum Ausdruck bringt, wie überhaupt Längers Kunst eine gelungene Verbindung aus sinnlichem und geistigem Genuss, abstrakter Idee und konkreter Anschauung darstellt, wie sich dies in zahlreichen seiner Werke manifestiert. Sehr gut greifbar wird dies beispielsweise in der Installation „Sternenmantel“, die Länger Anfang des Jahres 2014 für eine Sonderausstellung im Bamberger Diözesanmuseum geschaffen hat.
Vergegenwärtigt man sich den Umstand, dass Länger seine Kunst generell als „Protagonisten aus 23.000 Jahren Kulturgeschichte“ bezeichnet, so wird unschwer deutlich, welchen Stellenwert diese Idee, dieses Konzept in seiner Kunst einnimmt. Über die bereits erwähnten Momente gelingt Länger hiermit eine nennenswerte Lebendigkeit und Dynamik seiner Kunst. Die Protagonisten haben in der Konzeption Längers eo ipso immer das Gepräge eines Wechselverhältnisses auf verschiedener Ebene, etwa zwischen Länger und der Kunstgeschichte, der er die jeweiligen Protagonisten entleiht, aber auch der Protagonisten (und damit der verschiedenen Strömungen der Kunstgeschichte) untereinander, aber auch, dies ist in diesem Zusammenhang wohl von besonderem Interesse, ein Wechselverhältnis zwischen Längers Kunstwerk und dem Betrachter. In mehreren Werken Längers wird der Betrachter explizit dazu aufgerufen, selbst an der Arbeit der Protagonisten teilzunehmen, indem er dieselben etwa – da sie mitunter nur mittels Magneten und somit beweglich auf ihrem Untergrund angebracht sind – selbst eingeladen wird, in einer bestimmten Weise zu arrangieren.
Die hohe Dynamik dieser Kunst ist auch deswegen bemerkenswert, da sie hierdurch etwaige Berührungsängste des Publikums mit zeitgenössischer Kunst zu überbrücken in der Lage ist und eine interaktive, interpersonale Kunst realisiert, die die Kluft zwischen Museum und Alltag in fast spielerischer, unprätentiöser und einladender Attention überbrückt bzw. nivelliert.
In jüngster Zeit hat Länger sein Konzept des „Protagonisten“ dergestalt weiterentwickelt, als er etwa im Rahmen einer bestimmten Performance ein Wechselspiel zwischen Protagonisten und Deuterogonisten ins Schwingen bringt, gemeint ist damit die Idee, dass Länger dem Vorbild eines bestimmten Ereignisses aus der (Kunst-)Geschichte in der Weise der imitatio durch eigenen konkreten Lebensvollzug zu neuem Leben verhilft, indem er dieses Ereignis durch konkrete Praxis in die Gegenwart hinein realisiert, weswegen Längers Performance sich zum Protagonisten als Vorbild wie ein Deuterogonist, sprich ein „Zweit-Handelnder“ verhält. Dadurch entsteht ein changierendes Wechselverhältnis zwischen primärem Protagonist und sekundärem Deuterogonist, die während dieses Oszillierens beständig die Position wechseln und in einen einzigen ästhetischen Nukleus im Sinne eines reinen Agonisten koinzidieren, was wiederum ein treffendes Beispiel für Längers künstlerische Dichte bildet.
© Dr. phil. Dr. theol. Matthias Scherbaum, Bamberg, 2014