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Andenkbilder

 

Dr. Julia Eckhardt

Rede vom 28. April 2013 zur Eröffnung
der Ausstellung im ausstellungsraum.steinerhaus, Hamburg

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Sehr geehrte Damen und Herren!
Jörg Länger, gebürtiger Berliner, studierte an der Freien Kunststudienstätte Ottersberg. Vorher hat er in seiner Heimat zunächst ein Studium der Geistes- und Religionswissenschaften an der Freien Universität absolviert. Seit den 90er Jahren sind seine Bilder in Galerien und Museen zu sehen. Nicht selten sind sakrale Räume und Gedenkstätten Orte, an denen seine Arbeiten gezeigt werden – die Christuskirche in Kassel, der Berliner Dom; Das sind keine weißen Ausstellungswände. Das sind keine sogenannten “White Cubes”, in denen alle emotionalen Regungen zugunsten einer gereinigten Wahrnehmung aufgehoben sind. Das sind Räume, die den Bildern einen Dialog mit sich abverlangen; mit ihren tragenden Säulen, signifikanten Blickachsen und mit ihrer kulturellen Rolle. So wirkten Jörg Längers Werke zuletzt im Rahmen der Ausstellung “Passion und Auferstehung” mit der symbolisch aufgeladenen Sakralarchitektur Helmut Strifflers in der Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau – einem Raum ohne Geradlinigkeit.

Hier im Steiner-Haus leiten seine Bilder nun durch die polygonalen Räumlichkeiten, winden sich an den tragenden Säulen empor, führen uns hin zu dem großen Abschlussbild, das einen Rahmen aus Eisen trägt. Ein entscheidendes Potenzial beim Hängungskonzept liegt für Jörg Länger in der Gestaltung von Leerstellen. “Habt Erbarmen und lasst eine Lücke, die meine Phantasie ausfüllen kann!” schrieb Denis Diderot in seinem Salon von 1763.

Unter dem Titel “AnDenkBilder” sind Arbeiten zusammengestellt, in denen Länger Einflüsse aus archaischen Mythen und romantischer Mystik zu einem vielschichtigen Bilderkosmos ineinanderfließen lässt. So orientieren sich zum Beispiel seine Studien zum Thema “Hüter der Schwelle” an Rudolf Steiners Mysteriendrama und seine bildlichen Interpretationen zur “Chymischen Hochzeit” an der Geschichte über die siebentägige Reise des Christian Rosenkreuz aus dem 17. Jahrhundert. Anknüpfungspunkte zu diesen Themen sind einerseits geheimnisvolle Tuschefiguren in Schwarz. Betrachtet man sie ganz nah, dann wird man einer konzentrierten Pinselführung gewahr, die nur möglich zu sein scheint durch ein davor länger eingeleitetes Insichruhen. Dergleichen Blickfänger in den Bildern sind andererseits die sogenannten “Protagonistendrucke”: Hauptakteure, die wir aus berühmten Werken der Kunstgeschichte kennen, erscheinen als gedruckte Silhouetten in neuen Kompositionen. Sie zerlaufen, sie glühen, sie vermischen sich – sie formieren sich zu einem eindrucksvollen Figurentheater.

Aber wen erkennen wir bei diesen Protagonisten? Da sind die drei Genien aus Philipp Otto Runges Bildentwurf “Der große Morgen”, wie sie, den Morgenstern umkreisend, emporsteigen. Unter ihnen füllt sich die Welt mit Farbe. Farbe, so Runge in seiner Farbtheorie, ist der irdische Ersatz für das himmlische Licht, das der Mensch durch den Sündenfall nicht mehr fähig ist, zu sehen. Der hitzige Kampf zwischen David und Goliath findet eine humorvolle Abkühlung auf einer Kühlschranktür. Da ist weiterhin die Silhouette der Künstlerin Rebecca Horn, erkennbar an ihrem Kostüm aus der Performance “Mit beiden Händen gleichzeitig die Wände berühren” von 1974. In diesem 30 minütigen Film beschreitet sie langsam einen großen Raum, wobei ihre flügelartig ausgebreiteten Fingerverlängerungen an den Wänden entlangstreichen. Auf diese Art erprobte Rebecca Horn eine präzisere und zartere Erfahrung der Grenzen ihres Umraumes.

Und da ist schließlich die Doppelfigur “König und Königin” des Bildhauers Henry Moore, dessen Originalskulptur sich heute in Belgien befindet. Breitschultrig streben die Oberkörper der beiden Sitzenden nach oben, während ihre schmalen Unterkörper an der Sitzfläche zu haften scheinen. Sie schauen ruhig in die Ferne. Ein Sinnbild zurückhaltender Energie. Moores monumentale Bronzen gelten heute immer noch als Wahrzeichen der Kunst in der Landschaft. Die Skulpturen im Freien dienen nicht als öffentliche Monumente oder Denkmäler. Sie wurden konzipiert um mit der Umgebung in Dialog zu treten, sie mit Bedeutung aufzuladen, wie die geformten Steine aus prähistorischen Zeiten. Auch Hamburg hat seinen Moore: Nicht weit von hier, in der Moorweide, steht die “Liegende”, mit ihren fließenden Formen und tiefen Zerklüftungen. Weder in der Dämmerung noch an grauen Schneetagen verliert sie ihren Glanz. Sie ist ein Zeichen für die Verbindung Henry Moores mit Hamburg. In den 30er Jahren wurden Werke des damals noch unbekannten Künstlers hier für eine museale Sammlung erworben.

Hinter dem “Königspaar” stehen viele Erinnerungen. Doch wohin schauen die beiden, dort oben am Hang des Bergs, kurz über der Vegetationszone?

So funktionieren die “AnDenkBilder”. Die Figuren nehmen uns mit auf ihre Reise, sie reihen Geschichten aneinander, stellen Zusammenhänge her. Dies geschieht für jeden von uns anders, je nachdem, welche Geschichten auch wir selbst in uns tragen. Dazu ein abschließendes Zitat aus Lessings Laokoon: “Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft freies Spiel lässt. Je mehr wir sehen, desto mehr müssen wir hinzudenken können. Je mehr wir dazudenken, desto mehr müssen wir zu sehen glauben.”

© Dr. Jukia Eckhardt, Hamburg, 2013